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Fly on the wall

 

Vielleicht trifft es zu, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Vielleicht war Alan Parsons aber auch einfach nur zur rechten Zeit am richtigen Ort. „Mein erster Tag mit den Beatles war natürlich sehr aufregend. Ich habe alles aufgesaugt, was um mich herum passierte. Ich glaube nicht, dass sie mich überhaupt wahrgenommen haben. Ich war nur eine Fliege an der Wand“, sagt der heute 70-Jährige rückblickend auf seinen Start als Auszubildender in den Londoner Apple Studios vor über 50 Jahren.

 

Der 22. Januar 1969 markierte den Beginn der „Get Back“-Sessions, die mit der Veröffentlichung des Albums „Let it be“ am 8. Mai 1970 für die berühmteste Band aller Zeiten eher unrühmlich endete. John, Paul, George und Ringo waren in der Spätphase viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. „Ich habe anfangs nicht viel von den negativen Schwingungen mitbekommen“, berichtet Alan Parsons. „Ich war ein junger Mitarbeiter, der erst mal nur Tonbänder sortieren durfte.“ 

 

Der 20-jährige Lehrling in den Abbey Road Studios war zu den Aufnahmen in die Saville Row geschickt worden. An seinem ersten Tag durfte er allerdings noch nicht in den Kontrollraum, den Produzent George Martin und dem 27-jährigen Glyn Johns als Erster Ingenieur allein belegten. Erst am Folgetag kam Parsons zum Zuge. „Es wäre nicht richtig, zu behaupten, dass ich einen wichtigen Beitrag zum Album geleistet hätte. George Martin war sehr freundlich zu mir, und ich habe gemacht, was man mir sagte.“

 

 

Beatles-Chronist Mark Lewisohn schilderte in seinem Buch „The Complete Beatles Recording Sessions“, dass die Musiker und Techniker für das „Get Back“-Projekt zu ihrer alten Aufnahme-Routine zurückkehrten. Was bedeutet, dass morgens ab 10 Uhr aufgenommen wurde und in der Regel am späten Nachmittag gegen 17 Uhr Feierabend war. Trotz innerer Zerrissenheit sollte die äußere Ordnung behalten werden. Dazu Alan Parsons: „Meistens arbeiteten sie individuell im Studio. Das heißt, es gab eine eigene Session von George, eine eigene Session von Paul, eine eigene Session von John. Zusammen habe ich sie kaum einmal erlebt.“

 

Verschärfend kam hinzu, dass die Aufnahmen von einem Kamerateam begleitet wurden. So wurde einerseits das ganze Elend der Auseinandersetzung dargestellt, andererseits fühlten sich die vier Musiker herausgefordert – wie die 42minütige „Rooftop Show“ am 30. Januar 1969 auf dem Apple-Gebäudes beweist. „Das Konzert auf dem Dach war wichtig für das Projekt, denn der alte Geist kehrte zurück“, erinnert sich Parsons, der am Rande der Freiluftbühne über den Dächern der Stadt im Anzug mit Schlips und orangefarbenem Hemd zu entdecken ist – der üblichen Dienstkleidung der Toningenieure. 

 

 

Die Techniker hatten alle Händevoll zu tun. Schon am frühen Morgen schleppten die Mitarbeiter ein volles Studio-Equipment aufs Dach, installierten Mikrofone, verlegten viele Kabelmeter und stellten Lautsprecher auf. Es war sehr windig an diesem Tag im späten Januar. Also wurde Azubi Parsons von Toningenieur Johns, dem ersten unabhängigen seiner Zunft in Großbritannien und maßgeblich beteiligt am frühen, rotzigen Sound der Stones und der Who, beauftragt, im Kaufhaus „Marks and Spencer’s“ Damenstrümpfe zu besorgen, um diese über die Mikrofone zu ziehen.

 

Der Rest ist Musikgeschichte: Glyn Johns übernahm die undankbare Aufgabe, aus dem gesamten Material der vielstündigen Aufnahmen mit Jam-Sessions und zahllosen Versatzstücken ein brauchbares Album zu zimmern. Seinem Stil entsprechend sollte die Veröffentlichung möglichst unbehandelt und atmosphärisch klingen, was Paul McCartney von Beginn an vorschwebte. Dazu montierte Johns zwischen die Titel Kommentare wie bei „Two of us“, kurze Gesangsbeiträge wie „Dig it“ und „Maggie Mae“ oder Gesprächsfetzen und das Anzählen bei „Get Back“. 

 

 

Die Beatles waren nicht überzeugt, wohl eher aus Desinteresse und fehlendem Gestaltungswillen. Im März 1970 erhielt der zwiespältig bewertete US-Produzent Phil Spector von Lennon, Harrison und Manager Allen Klein den Auftrag, das Album endgültig fertigzustellen. Zu den umstrittenen Bearbeitungen gehören die am 1. April eingespielten, orchestralen und choralen Teile, die er den Stücken „Across the universe“, „I Me Mine“ und „The Long and Winding Road“ hinzufügte. Paul McCartney und George Martin waren bis zuletzt nicht einverstanden mit Spectors Klangteppich („Wall of sound“). Glyn Johns erhielt mit der Veröffentlichung von „Let it be… naked" im Jahr 2003 späte Anerkennung.

 

 

Und Alan Parsons, der Azubi von einst, setzte seinen Weg in den Abbey Road Studios fort. Schon im Februar 1970 verantwortete er als Toningenieur und Co-Produzent die Aufnahmen zu Pink Floyds „Atom Heart Mother“, wenig später war er mitverantwortlich für deren Meisterwek „The Dark Side of the Moon“. Seiner Idee zufolge erhielten die beiden Single-Auskopplungen „Time“ und „Money“ mit geloopten Sequenzen von mehreren synchron schellenden Weckern beziehungsweise dem Klingeln einer Registrierkasse jeweils ihr berühmtes Intro.

Rückblickend sagt Alan Parsons: „Für die Beatles gearbeitet zu haben, ist ein bemerkenswerter Teil meiner Biographie. Genauso wichtig war für mich die Arbeit mit Pink Floyd.“ Die Zusammenarbeit mit Eric Woolson ab 1974 war schließlich der Auftakt zur langjährigen, erfolgreichen Karriere als Alan Parsons Project.

 

 

Text: oli/anbeat.com

Fotos: Alan Parsons/Apple Corps Ltd.

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