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Der Himmel kann warten

 

Rolf Kühn ist, wie er ist mit seinen fast 92 Jahren: ­unfassbar alt, dabei beneidenswert vital und ein bril­lanter Klarinettist. Jazzmusiker, gerade  die der ersten Stunde nach dem Krieg, sind mit ihrem Publikum gereift, spielen in der Regel das „Great American Songbook“ und  ­lassen sich fürs Lebenswerk feiern. Rolf Kühn dagegen plant ständig neue ­Projekte und spielt regel­mäßig Kon­zerte.

 

Seit über 70 Jahren steht Kühn (Jahrgang 1929) auf den Bühnen dieser Welt. Er ist zugleich ein Brückenbauer quer durchs 20. Jahrhundert: Die Eltern waren Kölner, die Mutter zudem Jüdin, deren Zigarren­geschäft in der Pogromnacht zerstört wurde; Rolf war Solist im Tanzorchester Leipzig und beim RIAS, und um einiges später kam es zur Ost-West-Verbrüderung mit dem nachgeborenen Joachim Kühn.

 

 

Zwischen 1956 und 1959 lebte Rolf Kühn in den USA. ­Talente-Entdecker John Hammond sah in ihm „den neuen Benny Goodman“. Und dass er im Mutterland des Jazz nicht schon früher die höhere ­Weihe  erhielt, ­so vermutete es der große Jazz-Publizist und Multiplikator Joachim-Ernst Berendt, liege daran, dass Kühn das Pech hatte, „die ­Jazzszene in einem Moment zu betreten, in dem sein gewähltes Instrument immer mehr an Popularität verlor.“

 

Wie dem auch sei, spielte Rolf Kühn mit John Coltrane und Chick Corea, mit Peter Erskine und Gunther Schuller, mit Eartha Kitt und  Jutta Hipp sowie in den Orchestern von Benny Goodman und Tommy Dorsey. Auftritte im New Yorker Club „Birdland“, im „Blue Note“ in Chicago und beim „Newport Jazzfestival“ belegen die Erfolgsstory. Später wandte er sich moderneren Strömungen zu. Eric Dolphy, der viel zu früh gestorbene Bassklarinettist, wies ihm posthum den Weg, auch Free Jazz und Jazz Rock nahmen Einfluss.

 

 

Auch im 92. Lebensjahr ist Rolf Kühn neugierig darauf, was die Jungen der Szene so machen. Und hier umgibt er sich mit den Besten. Bassistin Lisa Wulff aus Hamburg ist JazzBaltica-­Preisträgerin und Echo-Nominierte, dazu der Pianist Frank Chastenier, ein Urgestein der WDR Big Band und Inhaber des German Jazz Award in Gold, sowie Diego ­Pinera, Inhaber des ECHO Jazz als bester Schlagzeuger, bilden mit dem Grandseigneur ein beachtliches Quartett. „Yellow + Blue“ (Edel/MPS 2018) heißt das Album, das der Altmeister mit den drei deutlich jüngeren Musikern auf­genommen hat. Zu seinem 90. Geburtstag erschien eine Sammelbox einiger Vinyl-Alben: „The best is yet to come“ – das Beste kommt noch. Rolf Kühn hat noch so einiges vor.

 

Text: oli/anbeat.com

Fotos: Gregor Fischer/Oliver Schulz

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