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Gods Only Know

 

Same same but different: Im Abstand von zwei Tagen und 8000 Kilometern werden Paul McCartney und Brian Wilson im Juni 1942 geboren. Auf der Umlaufbahn der Popmusik kommen die beiden einander sehr nah, zum ersten Mal Mitte der 1960er Jahre. Dabei könnten die Lebenswege unterschiedlicher kaum sein. Egal: Was dem einen sein Sgt. Pepper, ist dem anderen sein Pet Sounds.

 

Als im Jahr 1942 die blutigsten Weltkriegsschlachten geschlagen wurden und Europa in Schutt und Asche versank, leistete sich das Schicksal am Ende der dritten Juni-Woche vor 80 Jahren eine Verschnaufpause und baute – vermutlich eine eingängige Melodie pfeifend – einen Bogen des Glücks zwischen Englands Nordwesten und Kalifornien. Mit dem Abstand von gerade einmal zwei Kalendertagen wurden am 18. Juni in Walton, Liverpool, Paul McCartney und am 20. Juni in Inglewood, Los Angeles, Brian Wilson geboren. Und es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die Welt der Popmusik ohne die beiden viel ärmer wäre.

 

In den 1960er Jahren folgte die nächste Schlacht – diesmal zwischen Großbritannien und den USA; unblutig, aber mit höchstem Materialeinsatz und als Abnutzungskampf geführt. Vom ’65er-Album „Rubber Soul“ der Beatles fühlte sich Brian Wilson, Kopf der Beach Boys an der sonnigen US-Westküste, in höchstem Maß herausgefordert, sodass er kurzerhand verkündete, er werde nun das beste Rockalbum aller Zeiten schreiben.

 

Zu Jahresbeginn 1966 kehrte er der Surfphilosophie endgültig den Rücken und tat sich mit dem Werbetexter Tony Asher zusammen, um ein Werk zu kreieren, das heute als das große amerikanische Popalbum gilt. Er tat sich mit den besten Studiomusikern von Los Angeles zusammen – die übrigen Beach Boys waren kaum involviert. Heraus kam „Pet Sounds“ – Brians Wilsons Meisterwerk.

 

Alles hört auf mein Kommando: Brian Wilson (Zweiter von links) zeigt Bruce Johnston (links), Al Jardine und Dennis Wilson, wo der Harmoniegesang hin muss. 

 

In einem Interview unterstrich Paul McCartney, wie sehr ihm dieses Album gefiel. „,Pet Sounds’ haute mich aus den Socken. Das lag in erster Linie an Brians Kompositionen“, schwärmte er. „Die andere Sache war die Bassführung. Brian verwendete Töne, deren Gebrauch nicht nahelag, und ließ darüber hinaus den Bass eine Melodie spielen. Ich glaube, das war vielleicht der große Einfluss, der mich zum Denken anregte, als wir ,Sgt. Pepper’ aufnahmen.“

 

Dank moderner und vielfältiger Aufnahmetechnik veränderte sich ab Mitte der 1960er Jahre die Produktion von Schallplatten extrem. Schon auf dem Beatles-Album „Revolver“ aus dem Sommer 1966 erkennt man eine Komplexität in McCartneys Bassspiel; ein Merkmal, das er freimütig Brian Wilson zuschreibt, heißt es in Mark Lewisohns Kompendium „The Beatles Recording Sessions“.

 

Die musikalische Befruchtung setzte sich fort, als die Beatles den Gedanken des epischen Konzeptalbums in „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von 1967 auf die Spitze trieben. George Martin, Produzent der meisten Beatles-Aufnahmen, meinte: „Ich glaube, dass ,Pepper’ ohne Brians Inspiration vielleicht nicht zu einem derartigen Phänomen geworden wäre. Brian Wilson ist ein lebendes Genie der Popmusik.“

 

 

Paul McCartney (rechts) scheint sich seiner Sache sicher, während George Harrison und John Lennon Abstimmungsbedarf haben und Ringo sowieso tut, wie ihm geheißen.

 

Das hinterließ Spuren: Während sich in Kalifornien der introvertierte Wilson, der unter seinem tyrannischen Vater Murry litt und ab 1964 nicht mehr mit den Beach Boys auf der Bühne stand, in den Aufnahmesession verbarrikadierte, versuchte in den Londoner Abbey Road Studios Paul gemeinsam mit John Lennon und George Harrison, diese Kompositionen zu entschlüsseln. Noch mal George Martin: „Er gab den Beatles zu denken – und wir versuchten, mit ihm Schritt zu halten.“

 

Das folgende Album „Smile“ sollte Wilsons Opus magnum werden. Das Projekt wurde immer komplizierter. Ganze Bücher sind über „Smile“ und seine psychoemotionale Rolle im Wilson-Kanon geschrieben worden. Am Ende stellten die Sessions das letzte Aufbäumen von Brians Innovationsgeist dar. „Öffnete Wilson mit ,Pet Sounds“ die Tür zu einer neuen Welt, brachte ihn das Projekt ,Smile’ – und der damit einhergehende Drogenkonsum – direkt in die Hölle und zerstörte seine Psyche“, schrieb Charles L. Granata 2002 in seinem Buch „I Just Wasn’t Made For These Times“.

 

Im Juni 2000 wurde Brian Wilson in die Songwriters Hall of Fame aufgenommen, den Preis überreichte Paul McCartney. 2002 standen beide gemeinsam auf der Bühne. Und auch die Frage nach dem besten Song, der jemals geschrieben wurde, bekennt Paul, der erfolgreichste Songwriter in der Geschichte der Popmusik und Schöpfer von „Yesterday“, „Hey Jude“ und „Get Back“: Brians „God Only Knows“.

 

 

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